Wasser satt im Soca-Tal



Neun Zugvögel machten sich Anfang Juli auf den Weg nach Slowenien, um einen Kajakkurs an der Soca zu absolvieren und danach noch eine weitere Woche Urlaub zu verbringen.

In freudiger Erwartung von zwei Wochen schönsten Sommerwetters, milden Nächten und niedrigen Wasserständen – wie wir es von den vergangenen Jahren gewohnt waren - fuhren wir los.

Das Kajak Kamp Toni in Bovec ist nur wenige hundert Meter vom Zusammenfluss der Koritnica mit der Soca entfernt. Im Nordwesten steigen direkt hinter der kleinen Stadt die felsigen Berge am Kanin bis auf fast 2.600 Meter auf. Nach Südosten und Süden hin werden die Talkessel von etwa 1.500 Meter hohen Wänden eingeschlossen. Wie wir später feststellen, für von Südwesten heranziehende Unwetter ein ideales Gelände, um ihre schweren Regenwolken an den scharfkantigen Gipfeln aufzukratzen und auszugießen, um Blitze in das zerklüftete Gestein zu schlagen und mit heftigen Windböen Zelte umzuwerfen.

Zu Beginn des Paddelkurses an einem Julisonntag werden wir auf dem Zeltplatz allerdings von strahlendem Sonnenschein empfangen. Unsere Plastikiglus bilden bald ein Gedränge unter den wenigen Schatten spendenden Bäumchen – dicht daneben das große Küchen- und Esszelt. Wir, das sind neun Zugvögel: Brigitte, Claudia, Torsten, Gina, Marcus, Victoria, Jorina, Stefan und Michael.

Ein erster Ausflug zur Soca bestätigt: Das Wasser ist – wie beschrieben – türkisfarben und kristallklar. Beim gemeinsamen Essen werden Pläne für den ersten Kurstag gemacht. Die Nacht wird erstaunlich kalt.

Um acht Uhr am Montagmorgen machen sich die ersten Freiwilligen zum Einkaufen auf den Weg – nicht ohne vorher Kaffee und Teewasser aufzusetzen.

Voll beladen kommt unser kleiner Lieferwagen vom Supermarkt zurück. Inzwischen sind in fast allen Zelten die Lebensgeister erwacht, der Tisch ist gedeckt und uns ist die Vorfreude auf das erste slowenische Frühstück anzusehen: Weißbroträder, Käseplatte, Schinken und Wurst, Marmelade, Obst.

Die Strecke für den ersten Tag auf dem Wasser wird noch einmal diskutiert und entschieden, den Einstieg unterhalb der dritten Klamm zu wählen. Am Parkplatz oberhalb der Einstiegsstelle hat sich schon ein kleiner Paddlerauflauf gebildet. Die Boote müssen auf einem steilen Fußweg durch den Wald bis zum Fluss getragen werden. Aus einem großen Kehrwasser direkt hinter der Klamm rauscht das Wasser über einige Stufen abwärts. Dany und Guido wollen uns jetzt richtig kennen lernen: Kaum auf dem Wasser, müssen alle einmal kentern. Wer die Eskimorolle beherrscht, erspart sich das lästige Bootausleeren. Danach teilen wir uns in zwei Gruppen. Guido kümmert sich um die fortgeschrittenen Anfänger, Dany setzt sich mit den Erfahreneren anspruchsvollere Ziele. Stunde um Stunde – nicht nur an diesem Tag – verbringt Guidos Gruppe an der ersten Stufe: Kehrwasserausfahrt, Kehrwassereinfahrt, Stützen, Seilfähre, Stein umfahren, Stein überfahren, Kentern, Boot ausleeren ... schließlich lassen wir uns mit dem Fluss treiben bis zur nächsten Felswand, dem so genannten „Frauenschlucker“. Heute sind es allerdings nur Männer, die der Strömung zum Opfer fallen.

Auf einer Kiesbank treffen sich beide Gruppen zu einem ausführlichen Picknick, dann geht es am Zeltplatz und der Einmündung der Koritnica vorbei weiter talwärts bis nach Cezsoca. Die fortgeschrittenen Anfänger haben aufgehört, ihre Kenterungen zu zählen, sind aber guten Mutes, beim nächsten Mal länger über Wasser zu bleiben.

Claudia, Jorina, Marcus und ich fuhren mit Dany schon mal weiter bis zum berüchtigten „Frauenschlucker und tobten uns an dem Schwall davor aus. Der Wasserstand war im Vergleich zu dem, was wir in den letzten zwei Jahren an der Soca erlebt hatten, relativ üppig und wir genossen es, nicht ständig über Steine holpern zu müssen. Von Zeit zu Zeit öffnete der Himmel seine Schleusen – na ja, beim Paddeln ist man ja eh nass! Zwischendurch kämpfte sich auch mal die Sonne durch die Wolken. Die Luftfeuchtigkeit legte sich als feine Nebelschicht über den Fluss und ließ ihn wie verwunschen wirken. Claudia, die als einzige von uns den Fluss noch gar nicht kannte, machte dies eher nervös, konnte man doch nur ein kurzes Stück weit die Fahrtroute erkennen. Dafür wurde ihr Vertrauen in Dany immens gestärkt, als der ihr blind erklären konnte, welcher Fels, welche Stromschnelle hinter dem Nebel auf uns wartete.

Der Cezsoca-Schwall wartete mit schönen Wellen zum Abschluss der Strecke auf und fröhlich stiegen wir unten aus. Über Nacht regnete es weiter und der Pegel stieg auf etwa 100 cm am nächsten Tag.

„Gemmer baddeln!“ (Regionale sprachliche Besonderheiten färbten bereits auf uns ab.) Wir stiegen am Rafteinstieg in Srpenica ein und hatten viel Spaß auf der Blockstrecke. Dann folgte die Friedhofstrecke. Es war deutlich mehr Druck drauf als in den Jahren zuvor, als wir die Strecke bei wenig Wasser gefahren waren, aber einige Stellen waren bei dem Wasserstand auch entschärft. Wellen, Walzen, Prallpolster und knackige Kehrwässer luden zum Spielen und Üben ein. Jorina fuhr die gesamte Strecke lässig ohne eine einzige Kenterung, wir anderen drei mussten unsere Rolle unter Beweis stellen. An der letzten Stelle traf Claudia auf DEN STEIN, der ihr auch die nächsten Male noch viel Freude machen würde…

Dany war beeindruckt, als wir den Ausstieg erreichten: Es war für ihn das erste Mal, dass er mit vier Leuten durch den Friedhof fuhr ohne einen einzigen Schwimmer! Dann forderte er mich auf, noch ein Stück Slalomstrecke mitzufahren. Die anderen drei hatten sofort abgewinkt, aber ich war doch zum Paddeln hier, also los! Die Stufen waren noch wuchtiger als auf der Friedhofstrecke, aber Dany lotste mich sicher von Kehrwasser zu Kehrwasser. Ein nicht ganz freiwilliger Wellensurf meinerseits („Wie komme ich hier wieder runter?“) sah nach Aussage der Beobachter auf der Hängebrücke sehr lässig aus.

Dany erobert mit seiner Gruppe in den nächsten Tagen immer weitere Abschnitte der Soca und der Koritnica, Guido müht sich, den anderen unterhalb der dritten Klamm und in Richtung Srpenica eine angemessene Bootsbeherrschung beizubringen. Favorisiert werden die aufrechte Sitzhaltung und der kraftvolle Paddelschlag. Wo Surfwellen im Fluss liegen, begegnen sich beide Gruppen von Zeit zu Zeit. Fortschritte und die jeweilige Tagesform werden gegenseitig begutachtet.

Das anfangs so freundliche Wetter zeigt sich zunehmend launisch und wechselhaft. Am Dienstag ziehen verwunschene Nebelschwaden über den Fluss, so dass manchmal Hindernisse und Steine unversehens vor oder neben den Paddlern auftauchen, um dann gleich wieder im milchigen Grau zu verschwinden. Die Paddelsachen werden über Nacht nicht mehr trocken, das Umziehen erfordert gutes Timing zwischen den Schauern oder Verbiegungen auf der Autorückbank und unter der Heckklappe. Vom Paddeln hält das nicht ab. Am Mittwoch zwingt uns allerdings auf halbem Weg nach Srpenica ein heraufziehendes Gewitter aus dem Wasser.

Der Mittwoch begrüßte uns mit einem Himmel in Einheitsgrau und Regen – und Schnee auf den umliegenden Gipfeln! Wenig enthusiastisch packten wir die nassen, kalten Paddelsachen in den Bus. Immerhin stand heute ein Flussabschnitt auf dem Programm, den wir noch nicht kannten: die obere Soca vom Ende der zweiten Klamm aus. Als wir die Boote am Fluss hatten, kam sogar die Sonne zum Vorschein und guckte uns beim Alpinstart zu. Ich wagte es als Erste, kenterte und scheiterte beim Rollversuch an den Felsen, zwischen die ich getrieben wurde, so dass ich aussteigen musste. Dany grinste breit: „Seh ich dich auch mal schwimmen!“ Die anderen wählten daraufhin eine andere Stelle zum Alpinstart, von wo aus es gut klappte. Wir paddelten ein Stück weit in die zweite Klamm hinauf, bevor es den Fluss abwärts ging.

Bis zum Bunkerschwall gab es keine größeren Schwierigkeiten zu bewältigen. Leider hatte sich die Sonne wieder verzogen, Regen setzte ein, ein kalter Wind blies uns durch das Trentatal entgegen und Donner grollte in den umliegenden Bergen.

Warnschilder über dem Fluss wiesen rechtzeitig auf den Bunkerschwall hin, wir landeten am Ufer an, alle durchgefroren und frustriert durch das düstere Wetter. Einzig Dany strahlte immer noch, verteilte Schokolade und Zigaretten und motivierte uns zum Weitermachen. Wir stolperten den nassen und glitschigen Uferpfad entlang und besichtigten den Katarakt ausführlich. Dany erklärte uns die Linie, beantwortete unerschütterlich unsere nervösen Fragen und war trotzdem noch gut gelaunt. Schließlich entschieden wir, die erste Stelle - den Schlitzkatarakt - wegen der Verletzungsgefahr zu umtragen und den Rest zu fahren. Und siehe da – alles ging gut.

Die nächste Stelle war der Felssturzkatarakt. Steil und schnell schoss der Fluss hinunter, die Linkskurve am Ende überraschte uns trotz vorangegangener Besichtigung, so dass Claudia und ich rollen mussten (DER STEIN!) und Jorina schwamm.

Die dritte Klamm wurde von allen umtragen. Ich wagte einen Alpinstart in den ruhigen Gumpen am Ende der Klamm, die anderen warfen nur ihre Boote hinunter, die Dany einsammelte und an den Ausgang schleppte. Es regnete immer noch ununterbrochen, ich meinte, in der Klamm dem Wasser beim Steigen zusehen zu können.

Das letzte Stück bis zum Campingplatz war uns nun schon wohl vertraut und schnell bewältigt. Das Kehrwasser an der Koritnica-Mündung war durch den steigenden Wasserstand deutlich geschrumpft und auf die gegenüberliegende Ausstiegsstelle musste man schon genau zielen, aber die Seilfähre über die mittlerweile braun gefärbte Koritnica bewältigten wir entspannt.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge stehen wir abends am Ufer der Soca: Der Wasserpegel ist erheblich angestiegen (hurra!) - das bisher kristallklare Wasser hat sich in eine braune Soße verwandelt (bäh!). Den ganzen Abend trommelt der Regen auf die Planen. Zum Glück haben wir unsere Zelte an der Stelle zusammengedrängt, wo der Boden das Wasser noch aufnehmen kann, so dass von unten keine Überschwemmung droht.

Da das Gruppenzelt durch den anhaltenden Regen langsam sumpfig wurde, beschlossen wir, abends essen zu gehen und saßen solange warm und trocken beim Letni Vrt, bis auch der Regen aufgab.

Am nächsten Morgen begrüßte uns die Sonne! War das schön! Heute stand für uns die Koritnica auf dem Programm. Eigentlich hatte sich Dany geschworen, die Koritnica nie wieder mit mehr als drei Leuten zu paddeln, da es wegen der Geschwindigkeit und der wenigen Kehrwässer schwierig ist, schwimmendes Material einzusammeln und dabei die Gruppe im Blick zu behalten. Aber da wir uns so gut geschlagen hatten, machte er eine Ausnahme von dieser Regel. Guido, der fand, Victoria sei in seiner Gruppe deutlich unterfordert, überredete auch sie, mit uns die Koritnica zu fahren, so dass wir neben Dany fünf waren.

Wir besichtigten den verblockten Eingangsschwall und die Klamm, durch die das Wasser weiß schäumend hindurch schoss. Eine gewisse Nervosität machte sich breit. Für Victoria war sofort klar, dass sie erst hinter der Klamm einsteigen würde.

Wir vier anderen starteten und sollten uns im linksufrigen Kehrwasser treffen, hinter dem eine Kiesbank den Fluss teilte, von wo aus wir den rechten Flussarm nehmen würden. Unser Fahrtbeginn stand ganz im Zeichen der Chaostheorie und ließ Dany sofort bereuen, dass er von seiner Dreier-Regel abgewichen war: Die Trefferquote für das Kehrwasser betrug 25%, nur Jorina schaffte es problemlos hinein. An der Kiesbank lauerte wieder DER STEIN, den Claudia traf, bevor es sie in den linken Flussarm trieb. Auch ich traf nicht das Kehrwasser, sondern DEN STEIN, trieb aber in den rechten Flussarm, versuchte, eines der Mini-Kehrwässer am Rand zu erreichen, geriet dabei zwischen unnachgiebige Äste und nahm erst mal ein Entspannungsbad. Wenigstens gelang es mir, Boot und Paddel festzuhalten, so dass Dany nicht dem Material hinterher jagen musste.

Auch Marcus verfehlte das Kehrwasser und rettete sich irgendwie an den Rand. Dany hätte sich die Haare gerauft, wenn der Helm nicht im Weg gewesen wäre. So musste er einzeln zu seinen über den Fluss versprengten Schäfchen und gab Anweisungen für das Kehrwasser hinter dem Schwall, vor der Einfahrt in die Klamm. Sicherheitshalber stellte er sich dort im Fluss auf, um uns einzufangen, wenn wir wieder die Anfahrt verzockten, aber jetzt waren wir alle wach und kamen problemlos ins Kehrwasser. Geht doch!

Auch die Durchfahrt durch die Klamm gelang uns allen, und nachdem Victoria zu uns gestoßen war, ging die Fahrt rasant und spritzig, aber ohne weitere Chaos-Einlagen weiter. Vor dem Schluss-Katarakt am Campingplatz stieg Victoria aus, wir anderen setzten die Fahrt bis Cezsoca fort.

Der Cezsoca-Schwall wartete bei dem heutigen Pegel von 140 cm (50 cbm/s) mit beeindruckenden, supergeilen Wellen auf, die wir juchzend hinunter ritten.

Donnerstagmorgen. Der Regen hat nachgelassen. Am Himmel zeigen sich sogar einige sonnige Flecken. Das Wasser der Soca – viel Wasser – hat schon wieder einiges von seinem Türkis zurück gewonnen. Guidos Gruppe startet zum inzwischen bekannten Einstieg unterhalb der dritten Klamm. Mehr Wasser, weniger Steine. Dafür kommen die Wellen wuchtiger. Am Ende der langen Schwallstrecke von Cezsoca ist für zwei von uns der Paddeltag zu Ende: Ein dickes Knie und eine Leistenzerrung.

Von Zaga aus startet der zweite Versuch Richtung Tonkuhle. Beide Gruppen paddeln wieder zusammen und erreichen das Karussell – eine Felsformation im Fluss, bei der sich das Boot über einen schwallenden Stein direkt in ein kreisendes Wasserbecken steuern lässt. Der Stein bildet ein wässriges Polster, auf dem sich das Kajak mühelos über die Stufe drehen lässt. Heute halten einige von uns noch respektvollen Abstand zum Karussell, im zweiten Anlauf am nächsten Tag wird dann die Zurückhaltung über Bord geworfen – es funktioniert, meistens.

Nach der Mittagspause in Cezsoca warfen wir die Boote auf den Hänger und fuhren nach Zaga, um noch einmal die Strecke bis zur Tonkuhle in Angriff zu nehmen. Wir merkten, dass deutlich mehr Druck dahinter war als vor zwei Tagen. Dany scheuchte uns in fiese, pumpende Kehrwässer und durch diverse Action-Lines. Wir wollten es ja nicht anders!

Mit dem Freitag geht der Kurs zu Ende. Sieben von neun Paddlerinnen und Paddlern sind noch einsatzbereit und das Wetter zeigt sich wieder von der freundlichen Seite.

Am Freitag herrschte wieder strahlender Sonnenschein und ideales Fotowetter. Zusammen mit Guidos Gruppe starteten wir abermals in Zaga. Der Wasserstand war etwas gesunken, der Pegel zeigte 110 cm (ca. 35 cbm/s) an. Eine schöne Surfwelle lud zum Spielen und Fotografieren ein. Michael und Brigitte nahmen nun auch schon die eine oder andere Actionline mit. Als wir schließlich an der Tonkuhle ankamen, waren die meisten so ausgepowert, dass sie den Friedhof nicht mehr fahren wollten. Nur Claudia und ich machten uns mit Dany und Guido auf den Weg und genossen die 1:1 Betreuung. Dany schoss im Eingangskatarakt und an der Schlussstelle (die mit DEM STEIN!) tolle Fotos von uns. Es war ein geiler Tag!

Schönes Wetter und Karussellfahren macht übermütig. Für Samstag melden wir uns zu fünft zu einer Rafting-Tour auf der Abseilstrecke an – bei Roli, einem der besten und wildesten Soca-Rafter, wie Dany betont. Am Marktplatz in Bovec treffen wir Roli und werden mit Firmenwesten und -helmen eingekleidet. Am Parkplatz über dem Einstieg angekommen, tragen wir zunächst das schwere Schlauchboot auf unseren Köpfen durch den Wald, bis eine steile Erdrutsche weiter nach unten führt. Das Boot schliddert allein zwischen den Bäumen abwärts, wir haben noch einige steinige Serpentinen vor uns.

Schließlich sitzen wir mit je einem Paddel in der Hand auf den Gummiwülsten. Halt bieten nur Seilschlaufen auf dem Boden; mit nach oben angezogenen Zehen bemühen wir uns, die Füße dort fest zu haken. Roli ist da sehr viel geübter und biegt seinen ganzen Körper zum Steuern mit dem Paddel waghalsig in alle Richtungen und über den Heckwulst außenbords. In dem ruhigen Wasserbecken über der ersten Stufe trimmt er das Boot und uns: „Links vor! Links Stopp! Rechts vor! Beide zurück! Rechts Stopp!“ Dany und Guido begleiten uns als Safety-Kayaker,  die Kameraausrüstungen werden klar gemacht.

Die Ausführung der Manöver und die anfangs fehlende Synchronisation der Paddelbemühungen stellen unseren Antreiber nicht so ganz zufrieden, trotzdem lenkt er das Schlauchboot schließlich in die Strömung und über die erste Stufe abwärts. Nach schlingernden und hüpfenden Bewegungen taucht das Boot tatsächlich wieder aus der Gischt auf. Wir stellen erleichtert fest, dass noch alle an Bord sind – zu weiteren Überlegungen bleibt keine Zeit, denn schon tönt von hinten: „Links vor!“ „Links Stopp!“ „Beide vor!“ Mit wachsendem Spaß kämpfen wir uns durch die Fluten. In ruhigem Fahrwasser werden alle Paddel mit einem lauten „High Five!“ über dem Boot zusammengeschlagen – seltsam, wir sind doch zu sechst?

Als das Wasser allmählich ruhiger wurde, legten wir unterhalb einer steilen Felswand an. Hier könnten wir hochklettern und hinunter springen, bot Roli uns an. Michael, Brigitte und ich machten uns auf den Weg und kletterten den kleinen Pfad durch den Wald hoch. Am höchsten Punkt der Klippe kamen wir raus. Schwindelerregende zwölf Meter unter uns lag die glatte Wasserfläche der Soca. Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, dass es auch Stellen gäbe, von denen aus man aus geringerer Höhe springen konnte, aber die einzige Alternative wäre die schmachvolle Umkehr gewesen – und das kam ja überhaupt nicht in Frage. Am gegenüberliegenden Ufer saß ein grinsender Dany mit der Kamera im Anschlag im Boot. Michael sprang als Erster, dann folgte todesmutig Brigitte. Nun stand ich als Letzte da oben. Je länger ich zögerte, desto schwieriger würde es, also nahm ich all meinen Mut zusammen, kniff die Augen zu und sprang. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis der erlösende Platsch kam und ich im Wasser gelandet war. Adrenalingeputscht tauchte ich auf. Guido war mit seinem Kajak schon zur Stelle, um mich zum Raft zu bringen.

Als wir uns sicher fühlen und nur noch wenige hundert Meter uns von der ruhigen Durchfahrt unter der Napoleonbrücke trennen, taucht dann doch noch der eine Felsen auf: Erst vor und dann unter dem Schlauchboot katapultiert er Mann und Maus über Bord – wir sind unten, das Boot ist oben, eine rundum gelungene Abfahrt.

Die Abreise von Michael und Guido am nächsten Tag reduzierte unser Grüppchen wieder etwas.

Nach den gestrigen Regenfällen – rain is liquid sunshine - war die Soca am Dienstag wieder gut gefüllt, der Pegel zeigte 150 cm an. Claudia, Marcus und ich wagten uns auf unsere erste Befahrung ohne Kanulehrer oder sonstige potenzielle Retter auf Wildwasser. Wir stiegen unterhalb der dritten Klamm ein. Das Wasser war milchig trüb von den Regenfällen und schoss wuchtig dahin. Unsere Fahrweise war deutlich defensiver als sonst, wohl wissend, dass wir ganz auf uns gestellt waren. Die Wellen im Cezsoca-Schwall waren grandios und wir kamen völlig aufgeputscht und high am Ausstieg an.

Ermutigt durch die gelungene Befahrung wagten wir uns am nächsten Tag auf die Koritnica. Jorina kam diesmal auch mit. Nach den schlechten Erfahrungen des ersten Mals beschlossen wir, die ungemütlichen Kehrwässer vor der Klamm auszulassen und direkt bis hinter die Klamm durchzufahren, wo wir uns treffen wollten. Claudia wurde von uns ausgeguckt, als Erste zu fahren. Sie hatte genug Gelegenheit, diesen Entschluss zu verfluchen, als sie hinter der Klamm kenterte und drei Ansätze brauchte zum Hochrollen. Ich kenterte bereits in der Klamm, rollte und fuhr die letzte Kurve durch die Klamm rückwärts. Marcus fuhr dafür rückwärts in die Klamm hinein, wendete und schaffte den Rest unbehelligt. Koritnica und Chaos – das schien für uns immer noch zusammen zu gehören. Nur Jorina hatte wie immer keine Probleme.

Den Rest der Koritnica heizten wir in Rekordzeit hinunter wie auf Speed! Aus taktischen Überlegungen wagten wir uns nur in wenige Kehrwässer. Trotzdem bekam jeder von uns (außer Jorina natürlich!) noch eine Gelegenheit zum Rollen. Als wir den Ausstieg am Campingplatz erreichten, waren wir ähnlich gestoked wie gestern. Das war großer Sport!

(gw; mk)

 






























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