Beware of crocs - Australien 2008




Mit den Flüssen in Australien ist das so eine Sache. In der „wet season“ , wenn die Monsunregen das Land unter Wasser setzen, sind sie reißende Ungetüme. In der „dry season“ ist das Wasser fast völlig verschwunden. Das, was auf der Landkarte River oder Creek genannt wird, sieht dann aus wie eine trockene Sandpiste oder besteht aus einzelnen, unzusammenhängenden Wasserflächen. Längere, durchgängige Fließstrecken gibt es in der Trockenzeit kaum. Für Paddler nicht besonders attraktiv. Zwar gibt es einige kilometerlange Flussmündungen, aber die sind  im Norden gefährlich, und zwar wegen der Krokodile. Diese Salzwasserkrokodile, von den Aussies liebevoll „Salties“ genannt, werden bis zu acht Meter lang und sind sehr aggressiv. Also hatten Gisela und ich auf unserer Down-Under-Reise 2008 durch Western Australia und Northern Territory Paddeln gar nicht auf der Agenda. Alle Rivers und Creeks, die wir passierten, waren tatsächlich genauso wie oben beschrieben. Und Gewässer mit Salties? Nein, danke! Denn die Warntafeln „Beware of  crocs“ (Vorsicht, Krokodile!) standen sicher nicht zum Spaß an den Ufern. Doch dann, schon weit oben im tropischen Norden, fanden wir den Prospekt eines Bootsvermieters, der eine Drei-Tage-Kanutour auf dem Ord River anbot. Wir machten uns kundig: der Ord River ist ein Ausnahmefluss für australische Verhältnisse. Sein Wasser und das seiner Nebenflüsse wird in Australiens größter Talsperre, dem Lake Argyle, gesammelt und mit permanenten Wasserstand abgelassen, um die Landwirtschaft um das Städtchen Kununurra zu bewässern. Ja, das war doch was für uns! Drei Tage paddeln mit zwei Übernachtungen im Busch-Camp, über 55 km. In der Tourist Information von Kununurra, wenige Kilometer vor der Grenze zwischen Western Australia und Northern Territory entfernt, buchten wir die Tour. Am nächsten Morgen, um 6.30 Uhr, würde uns der Bootsvermieter am Campingplatz abholen. Er brachte nicht nur drei Zweier-Kanadier mit, sondern auch drei Männer und eine Frau aus Tasmanien.

Während der Fahrt zu unserer Einsatzstelle, dem Lake Argyle, fragten wir unseren Fahrer, ob es im Ord River crocs gäbe. Na klar, sagte der, aber auf unserer Tourstrecke nur „freshies“. Damit meinte er freshwater crocodiles, also Süßwasserkrokodile. Die werden höchstens drei Meter lang und sind völlig harmlos. Nördlich vom Zielort Kununurra beherrschten allerdings salties die Szene. Aber das würde uns ja nicht tangieren. Wir waren beruhigt.

Wunderschön grün, aber auch windig, begrüßte uns der Lake Argyle. Unterhalb der Staumauer luden wir die Boote ab und beluden sie mit dem für unsere Verhältnisse voluminösen Übernachtungsgepäck. Dabei hatten Gisela und ich nicht die vom Vermieter geforderten Schlafsäcke dabei. Wir waren ja in den Tropen. Da genügte als Zudecke doch wohl ein Leinentuch! Los ging’s, bei guter Strömung und milder Temperatur auf dem Fluss. Anfangs durch eine Schlucht zwischen senkrechten roten Wänden. Dann weitete sich das Tal. Die Ufer wurden flacher, der Fluss mäanderte zwischen kleinen Inseln. Und an den Ufern lagen…crocs! Aber eben nur freshies. Und die störten uns nicht, und wir störten sie nicht. Wir lotsten unsere unerfahrenen Tasmanier sicher durch einige etwas knifflige Passagen, wo es laut Prospekt oft zu Kenterungen kommt. Nach 23 wunderschönen Kilometern erreichten wir unseren ersten Übernachtungsplatz. Vorher hatten wir allerdings noch ein Erlebnis der besonderen Art: lautes Gezirpe und Gekreisch lenkte unsere Aufmerksamkeit auf einen Baum, in dem es hektisch flatterte. Eine Kolonie von fliegenden Hunden! Diese Fledermäuse waren mit unserem Besuch überhaupt nicht einverstanden und machten dies mit einem Höllenlärm und wildem Geflatter eindrucksvoll deutlich. Da sind freshies doch viel ruhiger. Der Übernachtungsplatz, mit Hanglage im Dschungel, enthielt alles, was man so braucht; etwa ein Meter hohe Podeste für die Zelte (wegen Schlangen und anderem garstigen Getier), eine Feuer- und Grillstelle, eine Wasserzapfstelle und ein offenes, thronartiges Freiluft-Plumpsklo. Es wurde ein wunderschöner, langer Abend (ab 18 Uhr ist es dort stockdunkel), an dem wir viel über Tasmanien und unsere Tasmanier viel über Deutschland erfuhren. Vor der Weiterfahrt am nächsten Morgen machten wir eine Erkundungsfahrt den Cooliman Creek aufwärts, der bei unserem Übernachtungsplatz in den Ord River einmündete. Natürlich lagen auch da freshies sich sonnend an den Ufern. Alles wirkte sehr friedlich. Doch als ein freshie unverhofft mit lautem Platschen ins Wasser sprang, drängte Gisela zur Umkehr. Man weiß ja nie!

Die nächste Ord-Etappe war nur neun Kilometer lang, weil es nur dort eine Übernachtungsstelle gab. Wir nutzten die Zeit, um vom Fluss aus eine Buschwanderung zu einem kleinen Wasserfall zu machen. Hier zeigten uns die Tasmanier, was eine Harke ist. Mussten Gisela und ich beim Paddeln immer bremsen, um unsere Kameraden nicht aus den Augen zu verlieren, ließen uns die Tasmanier im Busch ganz schön alt aussehen. Ein wenig problematisch war es, ein tiefer gelegenes Bachbett an einem Seil zu kreuzen. Nachmittags wurden die Tasmanier vom zweiten Übernachtungsplatz abgeholt. Wir traurigen Hinterbliebenen verbrachten einen einsamen, aber romantischen Abend am Lagerfeuer. Und anschließend eine saukalte Nacht im Zelt. Clever, wie wir nun einmal sind, hatten wir das Überzelt nicht aufgebaut. Wir waren ja in den Tropen! Deshalb hatten wir ja auch auf Schlafsäcke verzichtet. Das Ende vom Lied: Trotz langer Hosen, Fleecejacke und Socken froren wir uns fast den A*** ab und waren heilfroh, als am nächsten Morgen die Sonne aufging.

Der dritte Tag, nun ohne Tasmanier, gestaltete sich anstrengend. Zwar war die Landschaft immer noch spektakulär – eine weitere imposante Schlucht – aber die Strömung des Flusses war bei Null angekommen. Dazu blies ein heftiger Wind von schräg hinten. Die 23 Kilometer bis zum Ziel in Kununurra waren ganz schön hart. „Von schräg hinten“ hört sich wie Schiebewind an. Es bedeutet aber auch permanente Kurskorrekturen, und dass Wellen in den offenen Kanadier schwappen. Aber das ehemalige CII-Mix-Superpaar Meyer (seit 46 Jahren Oertel)-Oertel schaffte diese etwas ätzende Strecke in vier Stunden. Nach kurzem Anruf holte man uns am Ziel ab und brachte uns zu unserem Campingplatz. Der Service in Australien ist eben einfach spitze und machte es uns erneut möglich, drei Flusspunkte aus down-under mitzubringen. Und die crocs hatten uns auch nichts getan. Aber auf der Weiterreise sahen wir die RICHTIGEN crocs, die salties. Und mit denen ist wahrlich nicht zu spaßen, wie wir auch in der Zeitung lasen: Fünf-Meter-Krokodil greift Angler an. Es hat also schon seine Berechtigung: Beware of crocs!

Wolfgang Oertel


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