Gruppo inferno - Korsika 2009





Nachdem wir uns in Sault Brenaz schön eingeschaukelt haben, zieht es uns weiter auf die Insel der Schönheit – Korsika. Dieses Jahr werden wir mit satten Wasserständen verwöhnt. So treffen wir schon auf der Fähre nach Ajaccio viele andere Paddler, aus Frankreich, aus Holland, aus Norwegen. In dem kleinen Ort Francardo schlagen wir auf dem Campingplatz Campita unsere Zelte auf.

Abends sind bereits fast alle Teilnehmer der Kanuschule versammelt, wir sehen das ein oder andere bekannte Gesicht wieder und begrüßen uns herzlich. Am nächsten Morgen werden zwei Gruppen eingeteilt: Klausi führt die „Gruppo Relaxo“, während Till uns für die „Gruppo inferno“ ausgewählt hat. Außer Marcus, Jorina und mir sind noch Pankow und Michael in unserer Gruppe. Till wird von den erfahrenen Paddlern Björn und Jörn unterstützt.

Der erste Tag führt uns bei strahlendem Sonnenschein auf den leichteren Abschnitt des Tavignano. Wir setzen an der Brücke über der Vecchio-Mündung ein. Vor zwei Jahren hatten wir wesentlich weniger Wasser, dieses Jahr ist alles viel wuchtiger. Trotzdem sind die Schwälle mit vielen Steinen gespickt, denen es auszuweichen gilt. Eine der Schlüsselstellen ist eine wuchtige Walze, die wir einzeln fahren. Michael fährt als Erster, wird umgeworfen und schwimmt. Nachdem alles wieder eingesammelt ist, fährt Jorina. Auch sie kentert, rollt aber sofort wieder hoch. Yeah! Alle anderen kommen gut durch. Da packt Jorina der Ehrgeiz, sie trägt ihren Kendo wieder hoch und fährt noch mal – und dieses Mal schafft sie es. Mittlerweile ist auch die Gruppo Relaxo angekommen, der die böse Walze zahlreiche Schwimmer abfordert. Wir helfen beim Einsammeln, dann geht es weiter.

Am Montag steht die Barchetta-Schlucht des Golo auf dem Programm. Ein paar hundert Meter nach dem Einstieg halten wir schon wieder an, um die nächste Stelle zu besichtigen: ein lang gezogener, wuchtiger Schwall in einer Rechtkurve. Jörn und Björn müssen demonstrieren, wie man hier fahren sollte. Natürlich schaffen sie es, aber wir sind trotzdem einhellig der Meinung, dass die Linie für uns „zu Fuß“ ist.

Danach geht es wuchtig über viele schöne Stufen in Drop-and-Pool-Manier weiter. Ein hohes Wehr muss umtragen werden.

Schließlich folgt eine schöne Niedrigklamm, durch die es zügig durchzieht. Hier legt Michael einen längeren Schwimmer ein, bis Till ihn in ein ruhigeres Kehrwasser lotsen kann, wo er vom Wasser aus wieder ins Boot einsteigen kann.

Eine weitere Stelle, an der rechts ein unterspülter Felsen lauert, umtragen wir. Den Rest des spritzigen Schwalls fahren wir mit großem Spaß hinunter.

Langsam lassen die Schwierigkeiten nach, schließlich kommt die übliche Aussatzstelle in Sicht. Doch kein Bus ist zu sehen. Klausi, der den Bus abgestellt hat folgt mit der anderen Gruppe. Langsam tasten wir uns Flussbiegung um Flussbiegung vorwärts, schauen immer wieder zur Straße hoch, die direkt neben dem Fluss verläuft und auf der wir den Bus immer noch nicht entdecken können. Immerhin ist auf diesem Abschnitt des Golos mit keinen großen Schwierigkeiten mehr zu rechnen. Das sagt zumindest der Flussführer, keiner von uns ist diesen Teil bisher gepaddelt. Plötzlich sehe ich wie Till, der vorne fährt, etwas hektisch das Zeichen „Gas geben“ macht und mit voller Kraft in etwas weiß schäumendes paddelt. Beim Näherkommen erkenne ich eine wirklich große Walze, die sich quer über die gesamte Flussbreite zieht – Kneifen ist nicht. Ich paddle mit aller Kraft los und presche durch – geschafft, wie alle anderen auch! Kurz darauf erspähen wir den Bus und auch die andere Gruppe, die dort schon auf uns wartet, da sie die Fahrt bereits vorher abgebrochen hatten. Das Ufer ist hier so steil, dass wir die Boote nur mit Seilen hochgezogen bekommen. Klausi muss sich einiges anhören.

Am Dienstag fahren wir den unteren Vecchio. Kristallklares Wasser lässt Soca-Feeling aufkommen. Im Gegensatz zu Tavignano  und Golo ist hier der Pegelstand nur mäßig. Der Vecchio ist sehr verblockt, gleich den zweiten Katarakt müssen wir besichtigen. Jorina schlägt eine Linie durch das Felsenwirrwarr vor, die Tills Einverständnis findet. Björn und Jörn dürfen sie wie immer vorfahren. Wir anderen bekommen es nicht ganz so souverän hin wie die beiden, diverse Kehrwasser werden nicht erwischt, diverse Felsen gerammt und einer entscheidet sich auf halbem Weg fürs Schwimmen. Na gut, runter kommen wir alle.

Auch der weitere Verlauf des Bachs ist verblockt und spannend. Zufrieden grinsend erreichen wir die Straßenbrücke an der Mündung in den Tavignano, wo wir aussteigen.

In der Nacht zieht leider Regen auf und trommelt auch noch am nächsten Morgen aufs Zelt. Heute findet das Frühstück zum ersten Mal nicht draußen statt. Es ist immer noch ungemütlich grau und kühl, als wir zum Asco aufbrechen. Dafür ist heute auch nur eine kurze Strecke geplant. Auf dem Asco treffen wir gutes Mittelwasser an, verblockt und steinig geht es durch eine landschaftlich beeindruckende Schlucht. An einer Vierer-Stelle steigen wir aus und gucken sie uns an. Wir diskutieren die Linie und die Möglichkeiten des Scheiterns. Dann dürfen Björn und Jörn wieder vorfahren – aber ohne Boofen, weil wir das bestimmt nicht können. „Ja, ja, wir sind immer die Dummies!“, meint einer von ihnen scherzhaft. So ganz glatt geht es auch bei ihnen nicht, Jörn muss sogar rollen. Das hätte uns zu denken geben sollen. Trotzdem wagen Marcus und ich es – und loten die Möglichkeiten des Scheiterns aus. Die anderen umtragen dann lieber. Dafür werden wir wenigsten für unseren tollkühnen Mut gelobt!

Als krönender Abschluss der Woche folgt die Befahrung der Tavignano-Schlucht. Auch hier ist wieder ein großartiger Wasserstand, das Wehr zu Beginn der Schlucht läuft über, so dass wir die Betonrampe nicht zum Umtragen nutzen können, sondern wie schon letztes Jahr durch die Botanik klettern. Dann geht es los, in dem zunächst noch weiten Tal mit herrlich wuchtigen Schwällen. Die Sonne bringt das schäumende Wasser zum Glitzern. Allmählich verengt sich die Schlucht, die Wassermasse wird zwischen den Felswänden zusammengepresst. Wuchtige Abfälle wechseln sich mit ruhigeren Abschnitten ab. Der Höhepunkt ist eine Engstelle mit einer riesigen Welle, über die wir jauchzend hinwegschießen. Mit leuchtenden Augen treffen wir uns im Kehrwasser. Im weiteren Verlauf der Schlucht wird das Adrenalin durch zwei Schwimmer gleichzeitig weiterhin gefördert und unsere drei Profis haben alle Hände voll zu tun, in der kehrwasserarmen flotten Strömung alles wieder einzusammeln.

Nachdem Schwimmer Nummer Zwei auf Händen und Füßen durch die Macchia kriechend uns und sein Boot wieder erreicht hat und Jorina mit drei Paddeln erfolgreich traversiert ist, sind Mensch und Material wieder zusammengebracht. Nun müssen wir uns aus einem strategisch etwas ungünstig gelegenen Kehrwasser raus arbeiten, um zu Schwimmer Nummer Eins zu gelangen, der ein Stück weiter unten sein Boot leert, wo auch Till und Björn auf uns warten. Leider gelingt es mir nicht, weit genug aus dem Kehrwasser in die Strömung zu fahren, so dass ich genau auf den Felsen zusteuere, den es zu vermeiden galt. Haarscharf komme ich an dem Felsen vorbei und hämmere mein Boot in die Steilwand. Einen Moment noch kann ich mich halten, doch dann wirft es mich um. Ich lege zum Rollen an, aber die Felswand bildet hier die Außenkurve, an der die Strömung mein Boot entlang presst. Ich versuche mich etwas abdrücken, muss aber schließlich aufgeben, weil die Sache mit den Kiemen immer noch nicht funktioniert. Ich steige aus und tauche direkt vor einem breit grinsenden Till auf, der mich in Empfang nimmt und ins nahe gelegene Kehrwasser bugsiert.

Der Rest der Strecke verläuft ohne weitere dramatische Ereignisse.

Abends lassen wir die Woche bei Pizza und Bier in einem Restaurant in Corte ausklingen. Vive la Corse!

(gw)


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